Renée Reichenbach

All das sind Gefäße – auch das Fragment, das Horn ohne Spitze, die Kanne als Skulptur ihrer Selbst – die Schale ein behüteter Garten: ein Landschaftsmodell und Refugium, ein gutes Versteck mit kleinen Kammern – die vielen leeren Panzer: keramische Häutungen von Schlangenwesen, 

steinerne Hüllen, verlassen von den Reptilien, Larven, 

Puppen – die Schale ist ein Ei, vielleicht eine lädierte Messboje oder doch das Modell für ein skurriles Eigenheim und das große Elfenbeindepot ein Traum-Schatz-Haufen.  

Renée Reichenbach baut Röhren, Schalen, Gefäße, Behausungen, stumme Instrumente, Architekturentwürfe. Die Objekte sind immer ein wenig in sich verdreht, die Bauwerke haben eine eigene Körperspannung, die Winkel sind leicht aus dem Rechten heraus. Alle Bögen streben nach oben.

Das sind alles Behältnisse, Vorratsbehältnisse für Möglichkeiten, am vortrefflichsten fassen sie Gedankenläufe über das Behütetsein, Meditationen über die haltbaren und unhaltbaren Werte.

Über alles zieht sich eine, in kleinem Spektrum variierende Malerei. Die Keramikplatten werden mit monochromen Farben begossen, getaucht und bedruckt. Flächige Muster in matten, gebrochenen Tönen. Kein Hochglanz, die Gefäße sind leicht rau, die Bemalung hat etwas Fragmentarisches, eine große Harmonie im nur Angedeuteten. Scharfe dünne Linien durchziehen die Farbfelder, wie Risse, Fugen, Reste der Konstruktionszeichnung. Bogenlinien umlaufen das Objekt wie Meridiane, als klar gezeichnete  Bruchkanten. Die sich verjüngenden Enden der Keramiken gehen oft ins Leere, da fehlen die Spitzen. Das Horn ist nicht gekappt, es ist eine Unterbrechung der Bauausführung, so zielen die Schnittpunkte der Bögen ins Nichts. Diese Imagination des nicht Ausgeführten gehört zum Objekt, ein Verweis auf einen immateriellen Teil. Das Volumen der Plastik ist immer mehr als ihr Material.

 

Rüdiger Giebler